Aktion Tau(f)tropfen und Kirchenentwicklung
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Impuls zum zweiten Tag der „Tauftropfen-Beauftragten“ der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich am 1. März 2008 in St.Pölten
Sehr geehrte Damen und Herren,
schon das Thema Kirchenentwicklung ist so weit gespannt, dass ich davor zurück schrecke, die kleine und zarte Pflanze der Aktion Tauftropfen mit diesem Gewicht zu befrachten. Aber es ist auf der anderen Seite doch lohnend zu erkunden, worin die Auswirkungen der Aktion Tauftropfen im Hinblick auf die Entwicklung der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich liegen könnten. Ich werde dazu vier Punkte in aller Kürze entfalten. Aber zuerst lassen Sie mich ein paar Gedanken zu der Frage einbringen, was denn Kirchenentwicklung überhaupt bedeuten kann?
I Faktoren der Kirchenentwicklung – der Kontext
Dass sich die Kirchen in Europa – und vielleicht weltweit – unter verstärktem und zunehmendem Veränderungsdruck sehen, ist eine bekannte Tatsache.
a) Pluralisierung und Individualisierung
Die wesentlichen Faktoren dieser Veränderung sind die steigende Pluralisierung von Religion und dazu die ebenso steigende Individualisierung. Diese beiden Begriffe geben ein erstes Paar. Die österreichische Situation ist bekannt: Lange Jahre hieß es hierzulande „katholisch-evangelisch“, wenn man die religiöse Landschaft beschreiben wollte, heute heißt es „katholisch – ohne religiöses Bekenntnis – muslimisch – orthodox – evangelisch“. Die dreizehn gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften stellen schon eine nicht zu unterschätzende Vielfalt dar, vor der Türe der Anerkennung stehen die Religiösen Bekenntnisgemeinschaften und dann gibt es noch eine kaum zu überblickende Zahl von verschiedenen kirchlichen Einrichtungen und religiösen Gruppierungen, die meisten sind auf dem Hintergrund der Migration zu sehen.
b) Säkularisierung
Ein weiterer Faktor trägt die Bezeichnung Säkularisierung. Europa ist der säkulare Kontinent. Trotz aller (Wieder-)kehr der Religion weltweit und vielleicht auch hierzulande scheint durch einen wachsenden Gewohnheits- und Alltagsatheismus in realistischer Einschätzung kein Zuwachs für Kirchen zu erwarten sein.
c) Individueller Glaube und Kirchenzugehörigkeit
Als dritten Faktor nehme ich auf, was die englische Religionssoziologin Grace Davie auf zwei Formeln gebracht hat: Belonging without Believing und Believing without Belonging. Belonging without Believing meint jene Kirchenmitglieder, die zwar treu zur Kirche stehen und auch ihre Dienste gerne in Anspruch nehmen, aber mit wenig hohen und vor allem wenig spezifischen Erwartungen. Vor allem, was die religiös-theologische Dimension entspricht. In diesem Zusammenhang war für mich eine Untersuchung interessant, die das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SWI) vor zwei Jahren durchgeführt hat: „Analysen zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung in Deutschland“. Dabei hat sich ergeben, dass gerade bei Taufen aus sogenannten Normalfamilien, also Taufen von Kindern, von deren Eltern zumindest ein Teil evangelisch ist, die Zufriedenheit am größten ist. Allerdings haben genau die Menschen dieser Zielgruppe keine besonderen Erwartungen hinsichtlich der theologisch-religiösen Bedeutung der Taufe. Sie sind mit dem schönen, persönlich gestalteten Ritual vollauf zufrieden. Interessanterweise wird diese Haltung von den PfarrerInnen unterstützt. Es gibt anscheinend eine stillschweigende Übereinkunft – so formuliert die Studie – zwischen Pastoren und Pastorinnen, die bei der Taufe nichts über den rituellen Vollzug hinaus Bedeutendes vermitteln wollen, und der Klientel, die nichts Entsprechendes vermittelt haben will. Ein „Wechselverhältnis bedeutungsvoller Indifferenz“. Das hat Vor- und Nachteile: Der Vorteil liegt darin, dass die Taufe als ein niederschwelliges Ereignis empfunden wird. Je höher die Erwartungen der Kirche wären und je mehr bewusstes Verstehen und Mitfeiern verlangt wird, umso weniger Taufen wird es geben, weil die Menschen diese Art von Entschiedenheit nicht eingehen wollen. Der Nachteil liegt ebenfalls auf der Hand: Die Taufe wird verkürzt auf ein familiäres Fest, mit indifferenter Bedeutung. Sie stabilisiert die Normalfamilie, aber darin erschöpft sich auch ihre Bedeutung. Den Nachteil sieht man sofort, wenn die Situation Alleinerziehender ins Auge genommen wird. Sie haben – zumeist sind es Frauen – eine hohe Erwartung an die Taufe und die Kirche, manchmal so hoch, dass sie sich nicht zur Taufe entschließen können aus der Befürchtung, ihre Erwartungen werden nicht erfüllt. Während also die erste Gruppe unter der Devise Belonging without Believing zu stehen kommt, würden die Alleinerziehenden eher für die Haltung eines Believing without Belonging stehen.
Zu diesem Bereich gehört auch die beklagenswerte Entwicklung, dass die sogenannte Taufverantwortung wie eine heiße Kartoffel von den Beteiligten weitergereicht wird. Die taufenden PfarrerInnen schieben die Zuständigkeit dafür den Eltern zu, diese neigen dazu, sie an die Paten weiterzureichen. Am Ende macht niemand etwas. Die evangelischen Kirchen sind überzeugt von der theologischen Richtigkeit der Säuglings- und Kindertaufe. Sie wissen aber auch, dass sie jeden Anschein vermeiden müssen, als würden sie Kinder taufen, deren religiöse Erziehung nicht gewährleistet ist.
d) Misstrauen gegenüber Institutionen
Bei der Beschreibung der heutigen kirchlich-religiösen Situation möchte ich noch einen vierten Faktor erwähnen, der auch für unsere Aktion von Bedeutung sein kann, nämlich das tiefe Misstrauen der Menschen in Institutionen, speziell in die Kirche als Institution. Die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft hat das Institutionsvertrauen in Österreich untersucht und die Entwicklung von 2005 auf 2007 erhoben. Dabei zeigt sich, dass die Kirchen vom drittletzten Platz im Jahr 2005 mit einer Bewertung von etwa 3,5 (auf einer Skala zwischen 1 und 7) auf den letzten Platz mit einer Note von 3 abgerutscht sind. Parteien und Printmedien, die vor drei Jahren noch hinter den Kirchen lagen, haben diese überholt. Generell muss gesagt werden, dass auch bislang sehr gut eingestufte Institutionen wie Polizei und Gerichte ziemlich massiv im Vertrauen der Menschen abgestürzt sind. Aber Institution ist nicht alles. Auch die Kirche ist nicht nur eine Institution, sie ist immer auch ein Netz der Interaktion, und genau das wollen die Tauftropfen sichtbar machen.
Ich habe nun versucht zu zeigen, in welchem Feld sich Kirchenentwicklung abspielt. Die Beschreibung gibt einen subjektiven Eindruck wieder. Andere werden andere Faktoren nennen, um diesen Kontext zu beschreiben.
D.h. als erstes, dass Kirchenentwicklung nie unabhängig von einem bestimmten Kontext zu sehen ist.
II Der Beitrag der Tauftropfen
a) Außenorientierung
Es ist eine altbekannte Tatsache, die schon oft zitiert wurde, dass wir in der innerkirchlichen Verteilung der Ressourcen ständig eine massive Inhaltsentscheidung voraussetzen und betrieben. Rund 80% unserer Ressourcen, also Zeit und Geld und Menschen, widmen wir weniger als 20% der Kirchenmitglieder – die Fernstehenden oder Außenstehenden haben wir einfach zuwenig im Blick. Daraus allein sieht man eine eminent starke Binnenorientierung der Kirche. Wir kümmern uns vornehmlich um uns selbst. Die Kerngemeinde verbraucht fast alles, was an Möglichkeiten und Fähigkeiten gegeben ist.
Die Tauftropfen setzen die Akzente anders. Sie orientieren sich nach außen, auch wenn sie sich zuerst einmal an die eigenen Gemeindemitglieder richten. Aber Tauftropfen funktionieren besonders gut, wenn es ein Besuchsprogramm gibt, wenn es Menschen gibt, die hinaus gehen, ins Gespräch kommen wollen, Kontakt herstellen und aus dem Kontakt – wenn es geht – eine Beziehung wachsen lassen.
Das steht ganz in der Linie des Missionsdokuments der „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)“ „Evangelisch evangelisieren“, wo es heißt: Eine evangelisierende Gemeinde kann sich darstellen als eine auf die Menschen zugehende Gemeinde, die öffentlich präsent ist und Nähe freundschaftlich sucht.
b) Lebensweltorientierung
Die Tauftropfen setzen bei Geburt und Familie an. Sie orientieren sich an den ersten Jahren des Lebens mit dem kleinen Kind. Das sind besonders sensible und intensive Jahre, in denen die Familien vor tiefgreifenden Entscheidungen stehen.
Wieder ein Zitat aus „Evangelisch evangelisieren“: Eine evangelisierende Gemeinde kann sich darstellen als eine beratende und seelsorgerliche Gemeinde, die Menschen in ihren Alltagssorgen und Lebensnöten, insbesondere an den Wendepunkten des Lebens, aus der Kraft des Evangeliums heraus begleitet.
c) Biographiebezogene religiöse Bildung
Die Tauftropfen haben religiöse und theologische Inhalte. Diese werden nicht zeitlos präsentiert und gelehrt, sondern in enger Verwobenheit mit einer bestimmten, besonders sensiblen Phase des Lebens, nämlich mit den ersten Jahren des Lebens mit einem Kind. Religiöse Fragen stellen sich wieder, sie stellen sich neu, sie stellen sich nicht selten – zunehmend – erstmalig! Die Tauftropen haben eine evangelisierende, eine missionarische Ausrichtung. Das entspricht ganz der Grundausrichtung unserer Kirche. Sie will eine missionarische Kirche sein. Dazu braucht es Menschen, die sagen können, was sie glauben. Denn nur von Mensch zu Mensch geschieht diese Art von Mission. Sie ist ein Gespräch, kein Diktat. Auch nicht ein Warenangebot auf dem spirituellen Wellnessmarkt. Die Tauftropfen brauchen also Menschen, die gesprächsfähig und gesprächsbereit sind über Fragen des Glaubens im Lebenszusammenhang.
Gerade der biographische Ansatz des Glaubensgespräches eröffnet neu oder wieder die Bedeutung, die der Glaube für die Lebensgestaltung haben kann. Wieder sind die Alleinerziehenden eine besondere Zielgruppe, die unsere Aufmerksamkeit verdient. Denn in dieser Gruppe findet sich die höchste gelebte Religiosität in der Mutter Kind Beziehung. Hier hat die Taufe auch einen wesentlich höheren theologisch-religiösen Stellenwert im Sinn von Schutz, Wegbegleitung und Führung. Falls sich Alleinerziehende doch für die Taufe entscheiden, sind sie wesentlich zufriedener damit als die Normalfamilie. Sie äußern auch gesteigerte Erwartungen hinsichtlich der Eingliederung der Getauften in den Leib Christi, also hinsichtlich sozialer Kontaktmöglichkeiten und der erlebbaren Gemeinschaft.
So formuliert es „Evangelisch evangelisieren“: Die evangelisierende Gemeinde kann sich darstellen als eine Zeugnis gebende und zum Glauben helfende Gemeinde, die ohne falsche Scheu christlichen Glauben dialogisch und argumentativ vertritt.
Gerade die Tauftropfen sind ein hervorragende Instrument dafür. Sie kommen der Erwartung entgegen, die viele Eltern und vor allem Alleinerziehende haben, dass von Seiten der Kirche in zeitlicher Nähe zur Taufe Kontakt hergestellt wird, eine Art von Taufnachbetreuung erfolgt. Das ist ja der erste Schritt, dass der Taufe eine Eingliederung in den Leib Christi, also eine Aufnahme in die Gemeinschaft folgt. Kontaktwünsche und auch der Bedarf nach Hilfsangeboten werden an die Gemeinde herangetragen. Sie sollten erfüllt werden. Im Projekt „Alleinerziehende“ der Diözese Graz-Seckau gibt es folgende Angebote:
Psychologische Beratung
Vorträge und Seminare zu Persönlichkeitsentwicklung und Erziehungsfragen
Rechtliche Beratung
Treffpunkte für Alleinerziehende
Urlaubsangebote
Wochenenden zum Entspannen und Ausruhen (mit Kinderbetreuung)
Tauschmarkt für Kinderkleidung
Öffentlichkeitsarbeit für die Anliegen von Alleinerziehenden
d) Vernetzung
Die Tauftropfengemeinden sind miteinander verbunden und vernetzt. Damit wird ein Anliegen von „Offen Evangelisch“, dem Organisationsentwicklungsprojekt in unserer Kirche, aufgenommen und fortgeführt. Die Verbindungen der Gemeinden untereinander dürfen nicht nur entlang den Linien der Organisation gemäß Kirchenverfassung erfolgen, also über die Superintendentialversammlungen „hinauf“ zur Synode und von dort – vielleicht – auch wieder zurück bis in die Gemeinde. Die flache Vernetzung der Gemeinden kreiiert eine andere, neue Form der Kommunikation, die die klassische wohl nicht ersetzen wird, aber doch eine eminent wichtige Ergänzung zu ihr darstellt.
Vernetzen können sich nur Gemeinden, die ein gemeinsames Anliegen teilen. Sie haben einen Schwerpunkt, sie gewinnen ein Profil. Vernetzung meint also den Austausch, das gegenseitige Befruchten und Bereichern, best practise. Vernetzung meint aber auch die Organisation des Gemeinsamen, des Kommunen, und die Profilierung durch Schwerpunktsetzungen.
Auch damit wird eine Forderung aufgenommen, die leicht und schnell und oft gesagt wird, aber selten - weil schwer - umgesetzt: Gemeinden machen nicht mehr alles. Wer mit den Tauftropfen beginnt, sollte überlegen, was dafür auf Standby gestellt oder vielleicht ganz verabschiedet wird. Jeder Neuanfang schließt einen Abschied ein. Das erfordert Entscheidungen, die oft Widerstand hervorrufen werden. Aber sie lohnen sich.
Schluss
Ab schließend möchte ich in sechs Sätzen zusammenfassen, wo ich den Beitrag der Aktion „Tauftropfen“ zur Entwicklung unserer Kirche sehe.
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch Beziehung und Kontakt.
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch Gemeindevernetzung
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch Schwerpunktsetzung.
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch strategische Entscheidungen.
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch Außenorientierung
Die Aktion „Tauftropfen“ entwickelt Kirche durch missionarische Ausrichtung